Das Erbe von Science Bridge

Das früheren Schüler- und Öffentlichkeitslabor an der Universität Kassel ist „abgewickelt“.
Ein Nachruf in eigener Sache.

Etwa zwei Jahre hat es gedauert, den Vorläufer von BioWissKomm „abzuwickeln“, aber jetzt ist die einmalige Erfolgsgeschichte von Science Bridge an der Universität Kassel beendet.
Mehr als 25 Jahre hat Science Bridge Schulen, vor allem in der Region Nord-Hessen, mit mobilen Laborkursen versorgt. Aber nicht nur dort: bis nach Bayern und Schleswig-Holstein waren wir an Schulen und anderen Institutionen eingeladen. Science Bridge war damit vermutlich das erste Schülerlabor in Deutschland – ein Konzept, das sich später durchgesetzt hat und heute bundesweit einen wesentlichen Beitrag zur Lehre an Schulen und zur Wissenschaftskommunikation leistet.

Was war Science Bridge?

Es begann 1996 als wir in der Abteilung Genetik der Universität Kassel „MobiLab“ ins Leben riefen. Das sollte ein mobiles Labor werden, das Schulen mit Experimentalunterricht versorgte und gleichzeitig Studentenausbildung und Lehrerfortbildung einbezog. Im selben Jahr stellte ich einen Förderantrag an das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Mit 1 Mio. D-Mark sollte MobiLab für drei Jahre finanziert werden, danach, so mein Versprechen, wäre das Labor finanziell unabhängig. Der Antrag wurde positiv beurteilt, aber nicht finanziert. 1997 folgte ein zweiter, erfolgloser Antrag. 1999 mietete dann das Land Hessen das Bayerische „BioTechMobil“ um für sechs Wochen durch das Land zu touren. Kostenpunkt: 150.000 D-Mark. So viel zu „Nachhaltigkeit“.
Ein „Schmakerl“ am Rande: im BioTechMobil (zu dem ich gute Kontakte hatte) wurden teilweise Experimente durchgeführt, die wir von MobiLab zur Verfügung gestellt hatten.

MobiLab arbeite dennoch erfolgreich und wuchs – es dauerte aber noch ein paar Jahre bis daraus offiziell der gemeinnützige Verein Science Bridge e.V. wurde. Eine wichtige Rolle spielte dabei Dr. Jörg Klug von der Universität Gießen, der sich engagiert einbrachte und bis zum Schluss nicht nur die Finanzen verwaltete sondern auch Konzepte erarbeitete, Fördermittel einwarb und Projekte durchführte.

Was hat Science Bridge gemacht?

Das „tägliche Brot“ waren Schulkurse, bei denen Schulklassen selbst mit unserer professionellen Ausstattung arbeiten konnten. Ob Campus-Tag an der Uni Kassel, Boy’s und Girl’s Day, der „March for Science“, die Straße der Wissenschaften in Gießen, eine Kunstausstellung im Fridericianum oder Kurse in einer Jugendherberge oder in Salem – Science Bridge war immer dabei!

Man kann nicht alles aufzählen, was Science Bridge in diesen Jahren sonst noch gemacht hat, ein paar Highlights sollen aber genannt werden.
2008 hat Science Bridge den „Public Outreach“ beim Weltkongress der Genetik in Berlin organisiert – mit hochkarätigen Veranstaltungen in der Urania, im Medizinhistorischen Museum der Charité und im Kongresszentrum. Bürgernähe der Wissenschaft haben wir nicht nur dort, sondern auch durch „Road-Shows“ in verschiedenen Städten und in regelmäßigen, interdisziplinären Science Cafés in Kassel praktiziert.
Eine echte Besonderheit: beim Science Festival „Children of Doom“ in Berlin durften wir das erste (und bisher wohl einzige) Gentechnik-Sicherheitszelt (!) aufbauen und dort mit der Öffentlichkeit experimentieren.

Wir haben an der Universität Kassel Kurse für Pfarrer, Journalisten, Künstler, Lehrer und die allgemeine Öffentlichkeit veranstaltet. Zusammen mit Kollegen haben wir in Berlin einen Laborkurs für Bundestagsabgeordnete durchgeführt: Wissenschaft trifft Politik – auf Augenhöhe!

Und nicht nur das: der Ruf von Science Bridge war so gut, dass es Einladungen in die Schweiz, nach Österreich, Indonesien, Malaysia und Kasachstan gab. Für die Universität gab es dadurch Abkommen mit verschiedenen ausländischen Universitäten, die wir durch Dozenten- und Studentenaustausche mit Leben gefüllt haben.

In einem vom BMBF geförderten Projekt hat Science Bridge Konzepte zu „mehr Fachlichkeit in der Lehrerausbildung“ realisiert und sich substanziell an der universitären Lehre beteiligt. Das sollte „nachhaltig“ sein. Nach dem Aus für Science Bridge wanderten die neu entwickelten Kurse, Seminare und Vorlesungen mangels Fachpersonal in den Papierkorb.

2018 konnte Science Bridge neue Aufgabenfelder erschließen: mit einem erfolgreichen DFG Antrag im Rahmen eines Sonderforschungsbereichs übernahmen wir den Public Outreach für ein Konsortium von 20 Forschungslaboren zum Thema CRISPR-Cas. Mit der Förderung konnten wir mehrere größere öffentliche Veranstaltungen mit beachtlichen Teilnehmerzahlen durchführen.

Aktuelle Themen

Während der Corona-Pandemie hat Science Bridge unendlich viele Seminare zur Impf-Information durchgeführt, online und in Präsenz. Als das hessische Wissenschaftsministerium klagte, dass die Wissenschaft keine Angebot für ausländische Mitbürger anbietet, hatten wir innerhalb von 14 Tagen das Seminarangebot in acht verschiedenen Sprachen, von Arabisch bis Swahili. Das Interesse der Politik war Null – man klagte lieber weiter.

Zum Nobel-Preis an Jennifer Doudna und Emmanuelle Charpentier (2020) hatten wir der Universität angeboten, eine wissenschaftlich fundierten Bericht zu CRISPR-Cas zu schreiben. Die Universität war zögerlich und meinte, dazu müssten wir uns aber solide wissenschaftliche Expertise holen. Zu dem Zeitpunkt hatten wir bereits das CRISPR-Experiment für Schulen entwickelt und waren Teil eines DFG-Konsortiums zu CRISPR-Cas (zu dem auch Emmanuelle Charpentier gehörte). Von einem ZDF-Team, der Zukunftsplattform 1E9 und anderen wurde das Informationsangebot aber gerne angenommen.

Vielfältige Kontakte zahlen sich aus

Durch die Zusammenarbeit mit Indonesien konnten wir Khalid Abdullah gewinnen, der für unser DFG Projekt CRISPR-Whisper witzige und gut verständliche Stop-Motion Videos drehte.
Daraus ergab sich eine sehr produktive Zusammenarbeit, die heute von BioWissKomm fortgeführt wird. Khalid hat inzwischen Videos zur Corona-Impfung und zum Problem „Skin beaching“ für uns gemacht.
Zurzeit arbeitet er an einer Serie zu den molekularbiologischen Vorgängen beim Altern.

Das DFG Projekt gab gleichzeitig den Anstoß zur Entwicklung des ersten, einfachen CRISPR-Experiments für Schulen und die Zusammenarbeit mit der US-amerikanischen Firma miniPCR, die das Experiment inzwischen weltweit vertreibt.
Die Umsatzbeteiligung für Science Bridge war zwar gering, aber der Gewinn an Bekanntheitsgrad und Reputation beachtlich.
Es gab viele Anfragen von Universitäten, Schülerlaboren und Schulen und das Experiment ist inzwischen zum festen Bestandteil in einigen Schülerlaboren und in universitären Grundkursen geworden (bemerkenswerter Weise nicht an der Universität Kassel!).

Und dann ging’s bergab …

Mit dem Wechsel im Präsidium der Uni Kassel änderte sich das Interesse. Die Aktivitäten des Vereins wurden weitgehend ignoriert und man schaute eher skeptisch auf die Molekularbiologie, die nach Aussage des neuen Präsidiums „keine besondere Rolle für Kassel spielt“.
Und so war es dann irgendwann aus. Die Anfrage, ob die Universität nach 25 Jahren ehrenamtlicher Arbeit vielleicht eine halbe Stelle zur Verfügung stellen kann, war für die Universität indiskutabel – obwohl Science Bridge ein Vielfaches an Drittmitteln eingeworben hatte.
Stattdessen wurde uns die Infrastruktur an der Universität verwehrt und das Präsidium verbot die Annahme von renommierten Drittmitteln und Public-Private-Partnerships, die eine Menge Geld (auch für die Universität!) eingebracht hätten. Ein 6stelliger Betrag musste an die DFG zurückgegeben werden.
Das wesentliche Argument war, dass die Universität sich jetzt auf „Nachhaltigkeit“ konzentrieren wolle und auch, dass Science Bridge ja Werbung für andere Universitäten mache (weil Genetik und Molekularbiologie keine besondere Rolle in Kassel spielen).
So ganz stimmte das nicht. In meiner Zeit als Hochschullehrer habe ich immer die Erstsemester gefragt, was sie zum Biologiestudium geführt hat. Die Zahl derer, die einen Science Bridge Kurs als Motivation angaben, stieg jedes Jahr an. Science Bridge wurde sogar zu einer Art „Perpetuum Mobile“ – frühere Besucher der Schüler-Kurse wurden zu Studenten, dann zu Science Bridge Kursleitern und manche schließlich zu Lehrern – die dann Science Bridge Kurse buchten..
Das Ende von Science Bridge ist ein Trauerspiel ohne Gleichen, das bundesweit, auch bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft und den biologischen Fachverbänden, zu verständnislosem Kopfschütteln führte.

Das Erbe

Science Bridge hat als gemeinnütziger Verein verantwortungsvoll gewirtschaftet. Durch Drittmittel, Entwicklungsarbeiten und bezahlte Veranstaltungen hatten wir ein solides finanzielles Polster angelegt, das auch mal Reparatur oder Ersatz eines teuren Gerätes verkraften konnte. Wir hatten eine recht wertvolle Laborausstattung (die bisweilen auch für schlechter ausgestattete Universitätskurse zur Verfügung gestellt wurde). Alle Sachwerte wurde verkauft oder an Schulen der Region verschenkt. Ein Teil der Geräte steht heute im „FutureSpace“ wo sie nach wie vor eingesetzt werden, um Schulen und der Öffentlichkeit die Wissenschaft näher zu bringen.
Als finanzieller „Erbe“ von Science Bridge war ursprünglich die Universität Kassel vorgesehen. Glücklicherweise hatten wir die Satzung rechtzeitig geändert, sodass das Restvermögen an den Biologenverband VBIO und die Medizinische Gesellschaft e.V. in Gießen geht. Beide werden die Mittel satzungsgemäß für die wissenschaftliche Öffentlichkeitsarbeit einsetzen.
Das geistige Erbe von Science Bridge lebt überregional weiter in unserer Initiative BioWissKomm  und regional im FutureSpace, dem „Wissenschaftsladen“ in der Kasseler Innenstadt. Dr. Heike Ziegler, unsere ehemalige wissenschaftliche Koordinatorin, leitet dort die biologische Abteilung und bietet viele der Schulexperimente von Science Bridge weiterhin mit großem Erfolg an. Zumindest teilweise kann damit der Mangel an Experimentalunterricht an Kasseler Schulen aufgefangen werden.

Zwischenzeitlich macht die Universität selbst etwas „Nachhaltiges“. Sie hat für viel Geld ein großes Ladenlokal in der Kasseler Innenstadt angemietet und es aufwendig renoviert. Mit neu eingestelltem Personal, u.a. einer „Programmanager:in Transfer-Akzelerator:in“ wurde jetzt das „Nachhaltigkeits-Labor SDG+“ mit einem 10köpfigen Team eingerichtet. Das Projekt ist auf drei Jahre befristet. Der Laden kann an drei Tagen in der Woche nachmittags von der Öffentlichkeit besucht werden.
Ob damit bei Schülern und „Normalbürgern“ gleichermaßen Interesse für die MINT-Fächer geweckt werden kann? Immerhin befindet sich nur ein paar Häuser weiter der FutureSpace, wo Bürgern gezeigt wird, wie Wissenschaft funktioniert und wo Fachleute in Biologie und Physik Schüler beim Experimentieren betreuen. Für komplexere Experimente müssen Schulen aber schon ins XLAB nach Göttingen fahren.  

Danke!

Als Gründer und auch im Namen des letzte Vorstands von Science Bridge, möchten ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bei den vielen Generationen von studentischen Mitarbeitern bedanken. Einige haben kurzfristig für ein oder zwei Jahre mitgearbeitet, andere vom Anfang des Studiums bis zur Promotion und danach. Die meisten sind heute in verantwortungsvollen Positionen in der Forschung, in der Industrie oder in Schulen tätig. Ihr habt mit großem Enthusiasmus das gelebt, was wir unter Lehre und
„Wissenschaftskommunikation“ verstehen:
Auf allen Altersstufen und für alle soziale Schichten Wissenschaft auf Augenhöhe verständlich zu machen.
Ihr habt dazu beigetragen, Wissenschaft „unters Volk“ zu bringen und Interesse zu wecken. Ihr habt spannende Ideen eingebracht und mit Begeisterung jedes „verrückte“ Projekt mitgetragen und realisiert. „Geht nicht – gibt’s nicht!“ war ein wichtiges Motto von Science Bridge.

Trotz des traurigen Anlasses sind wir allen Freunden und Förderern von Science Bridge dankbar, dass sie uns über so viele Jahre die Treue gehalten haben! Sie haben uns mit Rat und Tat unterstützt und durch großzügige Fördermittel die Arbeit von Science Bridge möglich gemacht. Auch wenn der Verein jetzt Geschichte ist, Ihr Engagement wirkt noch heute fort und war, im besten Sinne des Wortes, „nachhaltig“! Zu den vielen finanziellen und ideellen Förderern gehören besonders:

  • Die Robert Bosch Stiftung (Programm Nat-Working und „Talent im Land“)
  • Die Joachim Herz Stiftung
  • Die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG
  • Der Deutsche Akademische Austauschdienst DAAD
  • Die B. Braun SE, Melsungen
  • Die ehemalige Wintershall Holding GmbH (heute Wintershall Dea GmbH), Kassel
  • Die Kasseler Sparkasse
  • miniPCR-Bio
  • Der Biologenverband VBI0
  • Die Gesellschaft für Genetik (GfG)
  • Das Gläserne Labor in Berlin
  • Das Schülerforschungszentrum (SFN) und FutureSpace in Kassel
  • Die Zukunftsplattform 1E9
  • Die Universität Kassel, mit der wir unter Präsident Rolf-Dieter Postlep immer im konstruktiven Dialog waren und die damals unsere Arbeit geschätzt hat.
  • Der Beirat von Science Bridge
  • Und nicht zuletzt die über 100 Science Bridge Vereinsmitglieder, die uns nicht nur durch ihre finanziellen Beiträge unterstützt haben!

Die „nicht-formale Bildung“

Schüler- und Öffentlichkeitslabore wie Science Bridge sind Teile der sogenannten „nicht-formalen Bildung“ und eine unverzichtbare Komponente, um Wissenschaft transparent und öffentlich zu machen und um Menschen aller Altersgruppen für Wissenschaft zu begeistern. Es gilt, sinnvoll und nachhaltig (im Sinne des Wortes!) in diese Pfeiler der Bildung zu investieren. Es reicht nicht aus, mit Koordinatoren und Akzeleratoren die Entwicklung von Konzepten zu managen – man muss sie auch durchführen! Der VBIO hat zu diesem Thema bereits 2021 ein Positionspapier verfasst.

Autor
Wolfgang Nellen