Sind Biologen „Bio“?

19.8.2026

Der Narr klingelt mal wieder mit seinen Schellen …
Es ist den Lesern überlassen, ob sie seine Geschichten ernst nehmen, einen Funken Wahrheit erkennen oder sie als bloße Narretei abtun. Manchmal weiss der Narr vielleicht selbst nicht genau, ob er ein echtes Anliegen hat oder ob er nur Possen reißen will (was ja auch ein Anliegen wäre).
Ich wünsche den Lesern viel Spaß und auch etwas Grübelei, wie ernst es dem Narren mit seinen Geschichten wohl sein mag.

Bei „Bio“ denkt man weniger an Bio-logie (die „Lebenslehre“) sondern eher an Bio-Karotten und Bio-Tomaten. Die stammen dann aus „biologischem Anbau“ und sind nicht, wie normale Karotten und Tomaten, in einer Fabrik synthetisch hergestellt worden. Fragt man im Laden nach nicht-biologischen (also „lebensleeren“) Tomaten, wird man verständnislos bis feindselig angeschaut. denn jeder wisse ja wohl, was „Bio“ bedeute.

„Bio“ bedeutet eine Lebensmittelproduktion ohne (Bio)Chemie, ohne Molekularbiologie, ohne Gentechnik, ohne Pflanzenschutzmittel, ohne (Bio)Medizin in der Tierhaltung, d.h. ohne wesentliche Beiträge der Biologie. „Bio“ ist ein Präfix geworden, das für alles Mögliche, nicht aber für Biologie steht.
Im englischen Sprachgebrauch nennt man das „organic food“. Da wäre ein Organischer Chemiker vielleicht noch so eben als Experte akzeptiert – ein Biochemiker wohl eher nicht. 
Die Beschaffung anorganischer Lebensmittel gestaltet sich jedoch ähnlich schwierig wie die von nicht-biologischer Nahrung.

Die Biologen haben das Feld freiwillig geräumt: sie bezeichnen sich nicht mehr als Biologen sondern als Ökologen, Genetiker, Physiologen. Die besonders Mutigen nennen sich vielleicht noch Biochemiker, Bioinformatiker oder Molekularbiologen. Aber gerade diese sind ja unter dem Bio-Label streng verboten! Ein großer, wahrscheinlich der größte Teil der Biologen ist nicht „Bio“! Oder müssen wir jetzt zwischen Bio-Biologen und Nicht-Bio-Biologen unterscheiden? Zur ersten Kategorie würden vielleicht noch Tierrechtler und Biobauern zählen – das sind aber in der Regel keine Biologen im wissenschaftlichen Sinne.

Was den Biologen dabei meist nicht bewusst ist: das Bio-Label ist rechtlich geschützt, die Berufsbezeichnung „Biologe“ aber nicht.
Wenn’s hart auf hart kommt, könnte man möglicherweise einem Biochemiker und einem Molekularbiologen tatsächlich das „Bio“ entziehen – weil sie schließlich nicht den Anforderungen des Bio-Lables entsprechen.

Europäisches „Bio-Siegel“

Bei der DFG wurde die Biologen schon vor einiger Zeit aus den Naturwissenschaften ausgegliedert, die haben ja auch nichts mit Natur zu tun! Dafür sind Chemiker, Physiker, Geowissenschaftler und Mathematiker zuständig. Biologen sind „Lebenswissenschaftler“.
Was passiert nun mit Biochemikern, Biophysikern oder gar Biomathematikern, wenn man ihnen das Präfix „Bio“ entzieht? Dann wären sie „lebenswissenschaftliche Chemiker, Physiker, Mathematiker“ und würden wahrscheinlich ihren Status als Naturwissenschaftler verlieren?

Laut Bundesagentur für Arbeit arbeiten in Deutschland ca. 65.000 Menschen in biologischen Berufen, hinzu kommen ca. 75.000 Studierende. Interessant dabei: sogenannte „angrenzende Bereiche“ wie Biochemie, Biotechnologie, Biomedizin und andere, werden in der Statistik nicht als „Biologen“ erfasst. Auch diese Abspaltung haben die Biologen kommentarlos hingenommen – vielleicht aus schlechtem Gewissen, weil ihnen bewusst ist, dass sie nicht „Bio“ sind?

Herr Treviranus, der Anfang des 19. Jahrhunderts den Begriff „Biologie“ prägte, würde wohl etwas irritiert die Stirne runzeln.

Treviranus-Medaille des Biologenverbands VBIO