In Morawa, einem Ort im Westen Australiens, leben 600 Menschen und schätzungsweise mehrere Millionen Mäuse.
Ist das normal?
Ja und nein. Mäuse gab es nicht in Australien. Sie sind unbeabsichtigt als Hitchhiker von Europäern mitgebracht worden und haben sich in dem neuen Lebensraum wohlgefühlt. Und dann taten sie das, was alle Organismen tun: sie haben sich vermehrt. Weil es genug Futter gab, keine natürlichen Feinde, keine Konkurrenz haben sie sich stark vermehrt, sehr stark sogar.
Neozoen
Neozoen sind Tiere, die aus ihrem angestammten Lebensraum auswandern (oder als „Hitchhiker“ von anderen mitgenommen werden). Offiziell werden Tiere als Neozoen bezeichnet, die seit 1492, dem Beginn des weltweiten Handels, mit Hilfe des Menschen Lebensräume auf anderen Kontinenten erobert haben.
Die Definition ist etwas willkürlich, denn nicht nur der Mensch hat Tiere in Gebiete außerhalb ihres ursprünglichen Lebensraums eingebracht. Besonders Vögel und auch Fische können auf ihren langen Wanderrouten Hitchhiker in ferne Gebiete transportieren.
Der Trend zur Auswanderung ist außerdem eine Eigenschaft, die fast alle Tiere gemeinsam haben.
Wenn sich Umweltbedingungen verändern, sucht man nach angenehmeren Biotopen.
Wenn es zu eng und das Futter knapp wird, versucht man, neue Lebensräume zu erschließen.
Wenn die Konkurrenz mit Artgenossen zu stark oder das Leben durch Beutegreifer zu gefährlich wird, lohnt es sich möglicherweise auszuwandern.
Neben diesem Druck von außen gibt es noch einen etwas erstaunlichen Grund: Neugier. Dafür existieren, zumindest bei Wirbeltieren, sogar seltene Genvarianten, die Tiere (und wohl auch Menschen) dazu bewegt, ihre Umwelt mehr als die normalen Kollegen zu erkunden und sein Glück an anderen Orten zu suchen. Solche Individuen werden dann oft zu Anführern einer Gruppe von Auswanderern und können eine neue Population in einem neuen Gebiet aufbauen.

Der Versuch einer Art, sich weiter zu verbreiten, geht oft schief. Die Auswanderergruppe kann sich in einem neuen Gebiet nicht etablieren und stirbt aus. Aber hin und wieder klappt es und eine neue Region wird besiedelt, wenn die Umstände günstig sind. Diese Ausbreitung geht langsam und meist über viele Generationen vonstatten. Hitchhiker beschleunigen die Ausbreitung. Die ungeheure Mobilität des Menschen hat eine neue Dimension in die Verbreitung von Neozoen gebracht. Im Koffer oder in der Kleidung werden Insekten, Spinnentiere und mehr unbeabsichtigt mitgebracht. In vielen Fällen geschah die Ansiedlung neuer Tierarten aber auch mit voller Absicht. In Nordamerika brachten europäische Bauern Regenwürmer mit, weil sie wussten, dass die zur Bodenfruchtbarkeit beitragen. Nun waren aber die einheimischen Regenwürmer im Laufe der letzten Eiszeit dort ausgestorben und das Ökosystem hatte sich darauf eingestellt. Regenwürmer richten inzwischen mehr Schaden an, als dass sie Nutzen bringen und tragen vermutlich deutlich zur CO2 Emission der Waldböden bei. Welchen Einfluss die Auswanderer grundsätzlich auf das eroberte Neuland haben, kann sehr unterschiedlich sein – auf jeden Fall aber verändern sie die Umwelt dort, mal mehr, mal weniger.
Australien
Australien ist der Kontinent in dem Neozoen die wohl größten und am meisten beachteten negativen Effekte haben. Seit der Kolonialisierung (ab 1788) gibt es dort Probleme mit Neozoen: von Siedlern eingeschleppte Kaninchen, Katzen, Füchse, Schweine, Ratten, Mäuse und andere. Das Ökosystem in Australien ist ganz anders als im Rest der Welt. Die meisten eingeschleppten Tiere fanden einen reichlich gedeckten Tisch vor und hatten keine/kaum natürliche Feinde. Teilweise wurden die „Fremdlinge“ bewusst (Schweine, Schafe, Kaninchen) als Nahrungsmittel angesiedelt, teilweise unbewusst (Ratten, Mäuse). Sie vermehrten sich explosionsartiger und führten zu ungeheuren Veränderungen und Schäden am Ökosystem. Viele einheimische Arten wurden ausgelöscht (aufgefressen). Die Versuche des Menschen, die Zahl der Tiere wieder zu reduzieren waren weitgehend erfolglos. „Biologische Schädlingsbekämpfung“ durch die Freisetzung von Katzen (gegen Ratten und Mäuse) oder Myxomatose-Viren (gegen Kaninchen) gingen teilweise „nach hinten los“: Katzen wurden zu einem neuen Neozoenproblem, das Mäuseproblem lösten sie nicht, rotteten dafür aber einheimische Tierarten aus.
Bei der gegenwärtigen Mäuseplage in Morawa werden Tonnen an Gift eingesetzt und teilweise flächendeckend auf Weizenfeldern ausgebracht. Das ist nicht besonders umweltfreundlich: Vögel und andere Tiere nehmen auch gerne die Köder an. Kollateralschäden werden in Kauf genommen.

Gene Drive
Gene Drive
Neue wissenschaftliche Ansätze werden erforscht. Dazu gehören „maßgeschneiderte Viren“ und „Gene Drive“. Beide sind wissenschaftlich genial, nur lassen sich die Langzeiteffekte kaum abschätzen. In „freier Wildbahn“ unterliegen solche biologischen Maßnahmen der Evolution und was der alles „einfällt“ ist kaum vorherzusagen. Bei der Entwicklung von Resistenzen ist die Natur z.B. ungeheuer erfindungsreich (die Kaninchen in Australien entwickelten z.B. Resistenzen gegen Myxomatose).
Beim Gene Drive wird mit Hilfe von CRISPR-Cas praktisch die „Mendel-Genetik“ ausgehebelt: eine tödliche Genvariante oder eine, die zu Sterilität führt, wird zu 100% an die Nachkommen vererbt. In der „Mendel-Genetik“ würde eine solche Variante der negativen Selektion zum Opfer fallen und schnell wieder verschwinden.

Bei der Mendelgenetik entstehen bei der Paarung eines homozygot genentisch veränderten Tieres mit einem unveränderten Tier („Wildtyp“) heterozygote Nachkommen. In folgenden Paarungen mit Wildtypen wird die genetische Veränderung „ausverdünnt“: die allermeisten Nachkommen tragen nicht das veränderte Gen.
Beim Gene Drive wird durch CRISPR-Cas das heterozygote Wildtyp-Gen nach der Vorlage des veränderten Gens „korrigiert“. Es entstehen nur homozygote veränderte Tiere.
Adaptiert aus dem Planspiel „Genchirurgie im Diskurs“ von Wissenschaft im Dialog.
Durch den Klimawandel wandert der Malariaerreger Plasmodium und sein Überträger die Anopheles-Mücke nach Norden. Eine Ausbreitung in Europa ist absehbar. Erste Laborexperiment zur Ausrottung des Malariaüberträgers durch Gene Drive waren recht erfolgreich, aber was auf Dauer passiert, ist schwer vorhersehbar. Ob sich Resistenzen gegen Gene Drive entwickeln können, ist nicht auszuschließen. Ebenso können wir nicht mit Sicherheit sagen, ob der Gene Drive auf andere Arten überspringen kann und ungewollt eine „gute“ Spezies ausrottet.
Inzwischen wird an „limitierten Gene Drives“ gearbeitet, Methoden bei denen sich die 100%ige Übertragung der letalen Genvariante nach einiger Zeit selbst auslöscht. Ebenso gibt es Konzepte um mit einem zweiten Gene Drive den ersten zu stoppen. Aber was die Natur in freier Wildbahn damit anstellt, ist kaum abzuschätzen. Feldversuche sind in Uganda und Burkina Faso geplant (in Burkina Faso inzwischen gestoppt). Die Risiken sind groß – wie man an der Einschleppung von Neozoen in Australien sieht, sind Freisetzungen praktisch nicht rückholbar.
Es sind Entscheidungen zwischen „Pest und Cholera“: die Neozoen stellen eine gewaltige, reale Gefahr für regionale Ökosysteme dar, die Gegenmaßnahmen aber auch. Gegenmaßnahmen sind „nur“ eine potenzielle Gefahr – aber das macht es nicht viel besser!
Eine andere Variante des Gene Drive ist wahrscheinlich weniger risikoreich, aber noch nicht soweit fortgeschritten. Der Malariaerreger Plasmodium, lebt als Parasit in der Anopheles Mücke. Es gibt Gene, die die Mücke weitgehend resistent gegen Plasmodium machen. Wenn man diese Gene verstärkt und per Gene Drive in der Population verbreitet, dann bleiben die Mücken und nur der Erreger wird ausgerottet oder zumindest reduziert.
Andere Neozoen
Die Bedrohung durch Neozoen ist nicht auf Australien beschränkt. In einem früheren Artikel hatten wir über die Gefährdung der Albatrosse auf Marion Island geschrieben. Dabei zeigte sich ein weiteres, recht unerwartetes Phänomen: nämlich dass sich die Marion Island Mäuse auf eine neue Nahrungsquelle einstellten. (Albatrossgehirne stehen gewiss nicht auf dem normalen Speiseplan von Mäusen – sie sind aber „gesund“ und nährstoffreich.)
In einem anderen Artikel hatten wir beschrieben, wie ursprünglich harmlose Neozoen auch bei uns durch eine zufällige Mutation zu einer ökologischen Gefahr werden können. Durch ein einziges Mutationsereignis hat der Marmorkrebs (oder besser: die Marmorkrebsin) „gelernt“, wie sie sich partheogenetisch (ohne männlichen Partner) vermehren kann. Seitdem erobert das Tier unkontrollierbar unsere Flüsse und Seen. Der heimische Flußkrebs hat kaum mehr eine Chance.
Die Liste kann beliebig erweitert werden. Der Ochsenfrosch wird in einigen Gegenden Deutschlands inzwischen offiziell bejagt: er frisst alles, was er bewältigen kann. Er dezimiert dadurch die einheimischen Amphibien und er kann den Chytridpilz übertragen, der für das weltweite Amphibiensterben verantwortlich ist.

Alan D. Wilson, www.naturespicsonline.com – http://www.naturespicsonline.com/, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1079191
Der Asiatische Marienkäfer wurde zur biologischen Schädlingsbekämpfung eingeführt. Er ist inzwischen selbst ein Schädling und eine Plage geworden: als Vielfraß ist er nicht nur eine ernsthafte Konkurrenz zum heimischen Marienkäfer, er frisst auch gerne dessen Larven. Zudem ist er durch die Produktion eines neuartigen Antibiotikums sehr resistent gegen Infektionskrankheiten und damit wesentlich robuster als der heimische.
Andere Neozoen sind (noch!) relativ harmlos und „nur“ lästig (z.B. Waschbären, Nilgänse). Wenn aber ihre Ausbreitung nicht eingeschränkt wird, können sie zu großen ökologischen Problemen werden. Und nicht nur das: Mäuse können z.B. ganze Ernten vernichten. Die finanziellen Schäden durch Neozoen liegen weltweit vermutlich im dreistelligen Milliardenbereich.
Der Mensch als Neozoe
Natürlich sind Menschen viel früher als 1492 nach Europa, Asien, Amerika und Australien eingewandert und zählen demnach nicht offiziell zu den Neozoen. Aber sie stammen ursprünglich aus Afrika und haben durch ihre Wanderung (nach mehreren vergeblichen Anläufen) schließlich sämtliche Kontinente erobert. Und sie haben das getan, was Neozoen tun: sie haben ihre neue Umwelt massiv verändert.
In nahezu allen der neu eroberten Gebiete fanden sie einen reichlich gedeckten Tisch vor. In Afrika wussten die großen Pflanzenfresser durch Koevolution, wie gefährlich der Mensch war und konnten ihn meiden – auf anderen Kontinenten nicht. Innerhalb kurzer Zeit waren die relativ naiven Mammuts, Riesenfaultiere, Wollnashörner, Riesenhirsche und andere aufgegessen. Hinzu kam die Eiszeit: den meisten Tieren wurde es in Mitteleuropa zu kalt. Sie starben aus oder wanderten aus. Man mag sich darüber streiten, ob Mensch oder Eiszeit einen größeren Beitrag zum Aussterben der großen Pflanzenfresser geleistet haben. Beides zusammen fühte zur Umgestaltung der Landschaft. Weil die Weidetiere fehlten, breiteten sich Bäume aus und die „dunklen germanischen Wälder“ wurden erst langsam wieder von einwandernden, kleineren Pflanzenfressern, überwiegend aus dem Osten, besiedelt.
Das vom Menschen angetriebene Artensterben ist die Fortführung einer „Tradition“, die es seit Jahrtausenden gibt – heute nur mit größerer Geschwindigkeit und radikaler.

Bild erstellt mit Midjourney von BioWissKomm
Fazit
Unsere Umwelt unterliegt ständigen Veränderungen. Als dominierende Spezies trägt der Mensch dazu massiv bei – aber auch er ist ein Teil der Natur. Auch andere Spezies wandern, mutieren, erobern neue Lebensräume. Sie verdrängen einheimische Organismen oder rotten sie sogar aus. Sie verändern Ökosysteme, beeinflussen Landschaft und Klima. Der Mensch diese Veränderungen drastisch beschleunigt.
Als einzige Spezies mit der Fähigkeit, rational zu denken, können wir versuchen, diese Entwicklung zu vermeiden, zu reduzieren oder zu steuern. Wir sollten uns jedoch bewusst sein, dass es uns dabei nicht um „die Rettung des Planeten“ oder den „Erhalt der Natur“ geht. Der Planet hat sich ein paar Milliarden Jahre ohne uns verändert und „Natur“ bedeutet nicht, dass sie für uns „schön“ ist und unser Leben unterstützt. Natur kann man nicht “erhalten“, sie ständigem Wandel unterworfen. Es geht uns ausschließlich darum, die uns genehmen Lebensbedingungen zu erhalten und damit unser eigene Lebensspanne auf der Erde zu verlängern. Wie weit uns das mit unserer Ratio gelingt, ist eine andere Frage.
Dieser Artikel wurde angeregt durch eine Reportage in der NZZ. (Ich weiss nicht, ob dieser Link hinter einer Bezahlschranke liegt – so informativ ist die Story in der NZZ aber auch nicht.)
Empfehlenswert finde ich das Buch „Hybris“ (Johannes Krause, Thomas Trappe, Ullstein Verlag, 2025). Es beschreibt u.a. die Wanderungsgeschichte des Menschen und die Auswirkungen auf die Umwelt.
Autor: Wolfgang Nellen, BioWissKomm, 19.7.2026
Abbildungen: Copyrigt s. Bildunterschriften

