Mit Placebos zu einer freundlichen Medizin

Wenn meine Kinder sich verletzen, hilft oft schon etwas ganz Einfaches: pusten. Manchmal hat auch ein einfaches Pflaster eine erstaunlich schmerzstillende Wirkung, wobei die bunten meist etwas besser wirken als die langweiligen braunen. Natürlich weiß ich, dass weder meine Puste noch Aufdrucke auf Pflastern eine Wunde heilen. Trotzdem tut es schnell weniger weh.

Solche kleinen Alltagsbeobachtungen kennen sicherlich die meisten von uns und sie wirken so selbstverständlich, dass man selten darüber nachdenkt, warum sie eigentlich funktionieren. Was all diese Situationen gemeinsam haben, ist der Rahmen: Zuwendung, Aufmerksamkeit, die Erwartung, dass es gleich besser wird. Der Schmerz wird nicht weggeheilt, sondern anders erlebt und bewertet. In der Medizin fasst man solche Effekte unter einem Begriff zusammen, den jeder schon einmal gehört hat: Placeboeffekte.

Lange galten sie eher als Störfaktor oder als etwas, das man irgendwie nicht so richtig ernst nehmen kann und besser nicht weiter beachten wollte. Inzwischen hat sich diese Sicht deutlich verändert und es wachsen nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse über den Placeboeffekt selbst, sondern es besteht sogar die Möglichkeit, dass diese Erkenntnisse ganz praktische Konsequenzen für den medizinischen Alltag haben.

Überraschende Forschungsergebnisse

Aus wissenschaftlicher Sicht ist das hochinteressant. Denn manchmal zeigt uns die Forschung Ergebnisse, die auf den ersten Blick paradox wirken – etwa die Tatsache, dass ein Placebo selbst dann wirken kann, wenn man genau weiß, dass es ein Placebo ist. Ein Beispiel aus der Schmerzforschung bei Erwachsenen verdeutlicht das besonders gut.

In einer Studie zu chronischem Rückenschmerz erhielten Patientinnen und Patienten eine Injektion mit Kochsalzlösung, klar als Placebo deklariert. Trotzdem nahm der Schmerz spürbar ab. Begleitende Bildgebungsdaten zeigten Veränderungen in Hirnprozessen, die an der Bewertung und Modulation von Schmerz beteiligt sind (Ashar et al., 2024). Ähnliche Effekte wurden auch in anderen Patientengruppen beobachtet, unter anderem bei Kindern mit funktionellen Bauchschmerzen (Nurko et al., 2022).

Solche Befunde sind faszinierend, weil sie zeigen, wie stark unser Nervensystem auf Kontext, Bedeutung und Zuwendung reagiert. Doch in dieser Faszination liegt jedoch auch die Gefahr, dass es zu Vereinnahmung durch Pseudomedizin kommt. Dabei belegen die positiven Effekte sogenannter „offener Placebos“ nicht, dass Zuckerkügelchen, Energieflüsse oder Wünschelruten plötzlich valide medizinische Verfahren wären. Sie zeigen vielmehr, wie kraftvoll unsere zentralen Erwartungssysteme sind.

Was ist eigentlich ein Placebo?

Ein Placebo wird klassisch als „Scheinmedikament“ definiert, also eine Tablette oder eine Injektion ohne pharmakologisch aktiven Wirkstoff. Ursprünglich diente es als Kontrollinstrument in klinischen Studien, um zu prüfen, ob ein neues Medikament tatsächlich besser wirkt als „nichts“. Dabei war von Anfang an klar, dass ein Placebo nicht wirklich „nichts“ ist, denn tatsächlich zeigte sich schon früh, dass auch ein Placebo manchmal einen gewissen Effekt haben kann, auch wenn lange Zeit unklar war, wie dieser Placeboeffekt funktioniert.

Heute zeigen neurobiologische Studien eindeutig, dass ein Placebo messbare Prozesse im Gehirn auslösen kann. Wenn Menschen eine Behandlung erwarten, sich gut aufgehoben fühlen und Vertrauen in die Situation haben, reagieren unter anderem das Belohnungssystem oder Systeme zur Schmerzhemmung. Gemeinsam sorgen sie dafür, dass das Gehirn Schmerz‐ oder andere negative Körpersignale weniger bedrohlich bewertet und körpereigene Hemmmechanismen aktiviert (Chen et al., 2024).

Entscheidend für die Wirkung eines Placebos ist also nicht die Substanz, sondern der Kontext:
• Wie viel Zeit nimmt sich der Behandelnde?
• Wie glaubwürdig erscheint die Therapie?
• Wie sicher fühlt sich der Patient oder die Patientin?
• Welche Erklärung wird gegeben?

aus: Knezevic et al., 2025, Medicines 2025 (eigene Übersetzung)

Viel spannender wird es, wenn wir uns anschauen, was Placebos selbst dann bewirken können, wenn ein Patient weiß, dass es ein Placebo ist.

Open-Label Placebos

Sogenannte Open-Label Placebos (OLP) wirken zunächst wie ein Widerspruch. Die Patienten wissen genau, dass sie ein Placebo, also eine wirkstofffreie Behandlung, erhalten und trotzdem berichten viele von einer Linderung ihrer Beschwerden. Dass dieser Effekt real ist, zeigt eine aktuelle Meta-Analyse zu chronischen muskuloskelettalen Schmerzen (Borg et al., 2025). Hierbei wurden sieben einzelne randomisierte Studien analysiert, die allesamt ein konsistentes Muster zeigen. OLPs waren nicht in der Lage objektiv messbare körperliche Funktionen zu verbessern. So zeigte sich bei den Schmerzpatienten weder eine Steigerung der Gehgeschwindigkeit noch der Beweglichkeit oder Kraft. Dennoch zeigte sich ein Effekt auf subjektiv berichtete Symptome wie Schmerzen oder allgemeines Wohlbefinden. Hier fanden sich durchaus kleine bis moderate Effekte, die das Grundmuster klar erkennen lassen: Menschen fühlen sich besser, obwohl sich ihre objektiv messbaren Gesundheitsparameter nicht ändern.

Die oben beschriebenen Mechanismen des Placeboeffekts greifen also offenbar zumindest teilweise auch dann, wenn keine Täuschung im Spiel ist. Dabei geht es also weniger um einen bewussten Glauben an eine Wirkung, sondern um gelernte, automatische Reaktionsmuster auf eine Behandlung. Eine Tablette einnehmen, sich einem Arzt oder einer Ärztin anvertrauen, eine klare, wertschätzende Erklärung bekommen – all das signalisiert dem Nervensystem, dass Unterstützung kommt, dass da jemand ist, der sich kümmert und dass es jetzt besser werden wird. Das Gehirn reagiert darauf, indem es Schmerzen anders bewertet, Stress reduziert und körpereigene Dämpfungsmechanismen hochfährt.

Klinische Bedeutung und Grenzen

Die Forschung zu Open-Label Placebos zeigt eindrücklich, wie stark Erwartungen und Behandlungskontext das subjektive Erleben von Symptomen beeinflussen können. Es spielt also offenbar eine enorme Rolle wie eine Behandlung kommuniziert wird, wie verständlich sie ist und wie zugewandt die zwischenmenschliche Interaktion abläuft. Man muss also gar kein Placebo geben, um den Placeboeffekt therapeutisch nutzbar zu machen.

Schon kleine Interventionen an der Art und Weise, wie Behandelnde kommunizieren, können messbare Unterschiede erzeugen. So zeigte sich, dass Menschen nach einer Herzoperation weniger postoperative Schmerzen haben, wenn ihnen vor der OP optimistisch formulierte Informationen zum Heilungsverlauf gegeben wurden (Rief et al., 2017). Diese sogenannte positive Erwartungsinduktion führte in einer randomisierten Studie tatsächlich zu einem signifikant geringeren Bedarf an postoperativen Opioiden, die ihrerseits ja auch nicht ohne Nebenwirkungen sind. Es ist also möglich, die Verabreichung von Schmerzmedikamenten zu reduzieren, allein durch Kommunikation.

Diese beobachteten Effekte sind nicht nur für das individuelle Wohlbefinden relevant. Sie haben auch eine breitere Bedeutung für das Gesundheitssystem insgesamt. Wenn Kommunikation Schmerzen abschwächen kann, beeinflusst sie indirekt auch den Bedarf an Schmerzmedikation, die Inanspruchnahme weiterer Behandlungen und damit letztlich Ressourcen, Nebenwirkungen und Kosten. Eine bewusste, zugewandte Kommunikation ist damit nicht nur eine Frage der Freundlichkeit oder Empathie, sondern tatsächlich ein handfester Faktor für eine nachhaltigere medizinische Versorgung.

Gleichzeitig bleiben die Grenzen klar: Kontextfaktoren können Leidensdruck reduzieren, aber keine Erkrankungen heilen. Ihre Effekte sind eher moderat, stark variabel und vor allem bei subjektiv erlebten Symptomen wie Schmerz, Müdigkeit oder funktionellen Beschwerden relevant. Als Ergänzung einer evidenzbasierten Medizin können sie wertvoll sein – als Ersatz taugen sie nicht.

Es ist also gut, ein verletztes Knie zu pusten, dennoch sollte die Wunde auch ordentlich versorgt werden.

Literatur

  • Ashar YK, Sun M, Knight K, Flood TF, Anderson Z, Kaptchuk TJ, Wager TD. Open-Label Placebo Injection for Chronic Back Pain With Functional Neuroimaging: A Randomized Clinical Trial. JAMA Netw Open. 2024 Sep 3;7(9):e2432427. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2024.32427. PMID: 39259542; PMCID: PMC11391328.
  • Borg F, Gedin F, Franzén E, Grooten WJA. A systematic review and meta analysis of open label placebo effects in chronic musculoskeletal pain. Sci Rep. 2025 Jul 5;15(1):24007. doi: 10.1038/s41598-025-09415-y. PMID: 40617928; PMCID: PMC12228692.
  • Chen C, Niehaus JK, Dinc F, Huang KL, Barnette AL, Tassou A, Shuster SA, Wang L, Lemire A, Menon V, Ritola K, Hantman AW, Zeng H, Schnitzer MJ, Scherrer G. Neural circuit basis of placebo pain relief. Nature. 2024 Aug;632(8027):1092-1100. doi: 10.1038/s41586-024-07816-z. Epub 2024 Jul 24. PMID: 39048016; PMCID: PMC11358037.
  • Knezevic NN, Sic A, Worobey S, Knezevic E. Justice for Placebo: Placebo Effect in Clinical Trials and Everyday Practice. Medicines (Basel). 2025 Feb 24;12(1):5. doi: 10.3390/medicines12010005. PMID: 40137049; PMCID: PMC11944128.
  • Nurko S, Saps M, Kossowsky J, Zion SR, Di Lorenzo C, Vaz K, Hawthorne K, Wu R, Ciciora S, Rosen JM, Kaptchuk TJ, Kelley JM. Effect of Open-label Placebo on Children and Adolescents With Functional Abdominal Pain or Irritable Bowel Syndrome: A Randomized Clinical Trial. JAMA Pediatr. 2022 Apr 1;176(4):349-356. doi: 10.1001/jamapediatrics.2021.5750. Erratum in: JAMA Pediatr. 2022 May 1;176(5):528. doi: 10.1001/jamapediatrics.2022.0359. PMID: 35099543; PMCID: PMC8804974.
  • Rief W, Shedden-Mora MC, Laferton JA, Auer C, Petrie KJ, Salzmann S, Schedlowski M, Moosdorf R. Preoperative optimization of patient expectations improves long-term outcome in heart surgery patients: results of the randomized controlled PSY-HEART trial. BMC Med. 2017 Jan 10;15(1):4. doi: 10.1186/s12916-016-0767-3. PMID: 28069021; PMCID: PMC5223324.

Gastautorin: Dr. Annika Mix, Neurobiologin, Wissenschaftsjournalistin und Bloggerin (https://www.anysci.de/)

Eine ausführlichere Fassung dieses Artikels wird voraussichtlich in Heft 3/26 (August 2026) der Zeitschrift “Biologie in unserer Zeit” (BiuZ) erscheinen https://www.biuz.de/index.php/biuz.